Kulturmagazin

Zeitungs-Apps und die Zukunft der Zeitung: Kannibalisierung oder Reanimation?

von Hannah Kessler

Zeitungsapps haben die Verlagshäuser erobert: Über 60 Prozent der deutschen Zeitungshäuser verfügen über eine eigene mobile Anwendung. Das ergab eine Umfrage der Zeitungs Marketing Gesellschaft aus dem vergangenen Jahr. Von ebenso großem Interesse dürften die Pläne der übrigen Verlagshäuser sein: Rund zwei Drittel derselben planen eine eigene Applikation.

Ein Blick in den iTunes Store von Apple scheint das Erfolgsmodell Zeitungs-App zu bestätigen: Die BILD-App belegt derzeit Platz acht der umsatzstärksten Apps in Deutschland. Wen wundert da noch die iPad-Euphorie des Springer-Vorstandschefs Mathias Döpfner:

"Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsindustrie rettet."

Doch Zeitungs-Applikationen können herkömmliche Printausgaben auch kannibalisieren. Das zumindest legen die Ergebnisse einer Nutzerstudie des Medienberatungsunternehmen F & B Berlin für den Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger nahe. So steige mit Besitz eines Tablets die Zustimmung auf die Frage: „Wenn eine Zeitungs-App richtig gut gemacht ist, dann könnte ich leicht auf eine gedruckte Zeitung verzichten?“

Papier – kein notwendiges Trägermedium

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Interessant erscheint dies vor allem vor dem Hintergrund, dass die Nutzer von traditionellen Zeitungsangeboten und iPads große Übereinstimmungen aufweisen. Die Zielgruppe beider Produkte skizzierte Till Fischer (Bild links), Geschäftsführer von F & B Berlin, beim 24. Medienforum.NRW folgendermaßen: männlich, gebildet, einkommensstark, technikaffin und mit 44 Jahren relativ alt. Für diesen Usertypus seien Zeitungsapplikationen sogar einer der wichtigsten Gründe zur Anschaffung eines iPads.

männlich, Ü-40, einkommensstark und technikaffin

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Jene ohnehin zeitungsaffine Gruppe bevorzugt mobile Applikationen, die ein digitales Äquivalent zu ihrer herkömmlichen Medienlektüre bilden. Insofern scheint es nur konsequent, dass die meisten Verlagshäuser ihr mobiles Engagement auf E-Paper-Ausgaben beschränken. In der Entwicklung von innovativen Zeitungs-Applikationen für die sogenannten Digital Natives sieht Meinolf Ellers (Bild rechts), der Geschäftsführer von dpa-infocom, eine der großen Herausforderungen. Diese Gruppe der „U-40“ sei anspruchsvoller im Hinblick auf Ladezeiten und Handhabung mobiler Applikationen. Darüber hinaus stelle sie aber Verlagshäuser, ihre Inhalte und deren Werthaltigkeit prinzipiell in Frage. Ellers stellt sich daher die Frage:

"Mit welchen Themen und Inhalten treffen wir in das Herz dieser sich von uns entfernenden digitalen Zielgruppe?"

Während die Gruppe der Printaffinen beispielsweise auf multimediale Inhalte wie Bildergalerien und Videos gerne verzichtet, verlangen jüngere Leser danach. Für sie muss eine App mehr bieten als die herkömmliche Lokalzeitung. Und wenn das nicht der Fall ist? „Da kann man die Zeitung fast abschaffen!“ So lautet denn auch der programmatische Titel einer Studie der FH Hannover, in der Journalismus-Professor Stefan Heijnk Erwartungshaltung und Nutzungsverhalten junger Zeitungs-App-Leser untersucht.

„Da kann man die Zeitung fast abschaffen!“

Damit das nicht passiert, weisen mobile Applikationen wie die der Schwäbischen Zeitung den Weg in die Zukunft. Die Schwäbische Zeitung reagiert auf die veränderten Aktualitätsansprüche im Zeitalter des World Wide Webs mit einer Applikation, die bereits am Abend die wichtigsten Informationen aus der Region bündelt und zudem mit multimedialen Inhalten aufwartet. Außerdem kann der Nutzer die Inhalte verschiedener Lokalteile flexibel bündeln. Das macht die Applikation insbesondere für Pendler attraktiv. „Es ist meine Lokalausgabe, die meine Lebenswirklichkeit widerspiegelt“, resümiert Meinolf Ellers.

Renaissance der Paywall

Gerade junge Nutzer schreien nach Flexibilität. Till Fischer vermutet daher eine „Renaissance der Paywall“. Hinter einer solche „Bezahlmauer“ können Zeitungsverlage bestimmte Inhalte kostenpflichtig schalten. Für den Nutzer heißt dies, dass er einen konkreten Artikel für einen transparenten Preis erwerben kann und nicht für ein Produkt zahlt, von dem er gegebenenfalls weniger als die Hälfte nutzt. Dass das Abo-Modell bei der Generation U-40 ausgedient hat, vermutet auch Meinolf Ellers und erinnert an die Produktphilosophie von Steve Jobs: kleine Produkte, kleine Preise.

Fotos: © Uwe Völkner / Fotoagentur FOX

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