Kulturmagazin

Ausgeträumt - Zwölf Jahre ohne Hundertwasser

von Nihan Aydin

Zwölf Jahre sind es nun, seitdem Friedrich Stowasser keine Träume mehr verwirklicht. Er hat seine Ruhe im „Garten der glücklichen Toten“ unter einem Tulpenbaum gefunden. Sein Verlust macht sich in der modernen Architektur bemerkbar. Anlass genug, um einmal über seine Kunst und seine Vermächtnisse für die moderne Gesellschaft zu reflektieren.


Design im Sinne von Klarheit, Reinheit, Struktur und Pragmatik – der Bauhausstil zeichnet die Moderne aus und ist gänzlich schnörkellos. Man könnte ihn beinahe als steril bezeichnen. Die klaren Formen, Strukturen und die unbunten Farben strahlen Kälte und Ausdruckslosigkeit aus. Aber weshalb zeichnet genau das die natürliche Umgebung des Menschen in der Moderne aus?
Simple Antwort: Das Medium Zeit kam in die Quere. Zeit ist die fehlende Dimension. Es gibt immer zu wenig von ihr - sie ist der Erzfeind der Kreativität und der Verbündete von Geld.

Seit Beginn der Industrialisierung schreitet die Globalisierung voran. Der Kapitalismus als vorherrschendes Wirtschaftssystem bringt neue Werte in die Gesellschaft: Flexibilität, Mobilität und Ungebundenheit.
Der moderne Mensch arbeitete nicht, um zu leben – er lebte, um zu arbeiten. Der moderne Mensch war ungebunden, denn er musste flexibel für seine Arbeit sein. Der moderne Mensch forcierte das große Ziel der wirtschaftlichen Unabhängigkeit und lebte für die Verwirklichung seiner Träume in der Zukunft. Fragt sich nur, warum der Mensch von finanzieller Absicherung und von Anreicherung der neuesten Konsumgüter träumte und noch immer träumt?
Simple Antwort: Weil wir den Sinn für das kindliche Sehen verloren haben und weil wir uns durch Statussymbole definieren.

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Friedensreich Hundertwasser war ein Rebell dieser Entwicklung. Der Architekturdoktor unter den Künstlern, der 1928 das Licht der Welt erblickte, versuchte mit seiner vegetativen Kunst den Menschen den wahren Sinngehalt des Lebens näher zu bringen. Nach ihm streben die Menschen zu sehr nach Vollkommenheit und Perfektion und das mache sie krank. Sie seien freiwillige Sklaven der Geradlinigkeit und der Normen des Lebens und widersprächen damit Mutter Natur. So sagte Hundertwasser zu Lebzeiten: „Das Paradies ist ja da, wir machen es nur kaputt.“

Das Paradies ist selbstverständlich eine Definitionsfrage. Für Hundertwasser war das Paradies gleichgestellt mit der Natur auf der Erde. Bereits in den bildenden Künsten wird das Paradies unter freiem blauem Himmel mit Blumenmeeren auf grünen Wiesen dargestellt. Hundertwasser übt Kritik aus, weil die Umwelt nicht respektiert von den fortschrittlichen Architekten. Sie zerstören das eigentliche Lebenselixier der Lebewesen. In der Moderne würde Stefan Lochners „Madonna in der Rosenlaube“ wahrscheinlich folgendermaßen aussehen: Eine durch Schönheits-Ops perfekt gestaltete Frau sitzt in einem White Cube inmitten von der EU-Norm- gerecht gezüchteten Rosen.

Die Kritik des Künstlers ist begründet, denn der moderne Mensch lebt in einer weißen Schachtelkonstruktion. Ohne schiefe Wände, mit einem ebenen Boden, mit abgedichteten Räumen geschmückt mit Guckfenstern nach außen – er bestimmt, wann Insekten, Tiere, und Luft in diese Schachtel gelangen. Er lässt die Natur nicht an sich teilhaben, sondern er selbst bestimmt, wann er zu der Natur will. Ist das Ihre Vorstellung vom Paradies auf Erden?

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Hundertwassers zahlreiche Architekturprojekte in Deutschland, Österreich, der Schweiz, aber auch in Kalifornien, Japan und Neuseeland zeigen, dass sich Architektur in die Natur einbinden lässt und trotzdem seinen Zweck erfüllt. Ganz im Sinne von Frank Lloyd Wrights „Fallingwater“ (1937) wird die Natur von Hundertwasser respektiert und das Gebäude passt sich der Umgebung an. Signifikant für seine Architektur ist zum einen die Unebenheit in den Etagen und Räumen wie bei der Grünen Zitadelle in Magdeburg, und zum anderen die Uneinheitlichkeit in den Fensterformaten, wie man in Darmstadt an der Waldspirale sehen kann. Die vielen Zwiebeltürme und Spiralformen kennzeichnen die typische Handschrift des Künstlers. Hundertwasser rebelliert gegen die einheitliche Norm der Architektur. „Gerade Linien sind die Werkzeuge des Teufels“ und der goldene Schnitt wird überbewertet – was zählt ist die Farbgebung, um das Paradies auf Erden zu erträumen.


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Was Hundertwasser zu dieser Art der Architektur veranlasst hat, birgt seine Wurzeln schon in der frühen Kindheit des Künstlers. Der Sohn von der jüdischen Mutter Elsa und des christlichen Vaters Ernst Stowassers wurde zu seinem Glück christlich getauft. Bereits ein Jahr nach seiner Geburt starb nämlich sein Vater an einer Blinddarmentzündung und seine Mutter wurde alleinerziehende Witwe. Als getaufter Halbjude nahm er mit zehn Jahren an der Hitlerjugend teil und konnte auf diese Weise sich und seine Mutter vor dem Tod zu Zeiten der Judenvernichtung bewahren – seine Tante, Großmutter und viele andere jüdische Verwandten erlagen dem Grauen des Holocaust. Sein Drang nach dem Guten zu streben, liegt daher sicherlich in der Zeit des NS-Regimes begründet. Er musste in jungem Alter mit ansehen, wie der größte Teil seiner Familie deportiert und getötet wurde. Daher empfindet er die Vereinheitlichung von Architektur als etwas Böses. Er assoziiert die Menschen, die in modernen Wohnblöcken leben, mit „in geometrischen Rechtecke gepressten Marschkolonnen“, wie er in einem Brief 1954 zum Ausdruck bringt. Die Narben des Holocaust sind es, die ihn zu der verträumten Kunst veranlassten.

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Die wenigsten Menschen haben leider die Zeit ihre eigenen Träume und Ideen zu verwirklichen und müssen sich der Schnelllebigkeit des Alltags anpassen. Auch wenn wir nicht in der Lage sind wie Hundertwasser auf Reisen in Paris, Marokko, Tunesien, Sizilien und anderen Ländern Inspirationen zu sammeln, können wir uns ab und wann eine Auszeit gönnen. Wenn Sie diese Auszeit in den kindlichen Träumen von Hundertwasser genießen möchten, laden Sie sich einen Audioguide zur seiner Geburtsstadt Wien und tauchen Sie im KunstHaus in seine Traumwelten ein. Um völlig vom Alltag abzuschalten, können Sie sich natürlich auch in Hundertwassers Thermendorf in Blumau erholen.

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Lassen Sie sich auf einer Reise zu Hundertwassers bedeutendsten Architekturwerken von den Farben und Formen inspirieren! Wer weiß, vielleicht strecken auch Sie danach selbst einmal den Pinsel aus dem Fenster und malen Ihre Hausfassade rosa an!

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