Kulturmagazin

RUHR.2010. Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel

von Frauke Schlüter

Das Ruhrgebiet, und als stellvertretender Gastgeber die Stadt Essen, ist seit Januar 2010 für ein Jahr europäische Kulturhauptstadt. Das Ruhrgebiet soll in seiner Ganzheit, Vielfalt und Einmaligkeit dargestellt werden. Nicht die Reduzierung auf Bergbau und Kohle, sondern die kulturelle Vielschichtigkeit und die daraus entstehende Kunst- und Kulturlandschaft stehen im Mittelpunkt der zahlreichen Veranstaltungen und Events im Jahr 2010.

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Am 13. November 2006 stand die Entscheidung fest: Die Stadt Essen und das Ruhrgebiet gewannen den Wettbewerb um die europäische Kulturhauptstadt und bekamen damit eine der wichtigsten Kulturauszeichnungen verliehen. Eine der ersten Taten der Organisationsteams war es, an allen Autobahnen in Richtung Ruhrgebiet Tafeln mit der Aufschrift „Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas 2010“ aufzustellen und den Hauptbahnhof in Essen grundlegend umzubauen und neu zu gestaltet.

Der damalige Bundespräsident Horst Köhler eröffnete am 9. Januar 2010 offiziell das Programm mit einem großen Festakt in der Zeche Zollverein in Essen. Herbert Grönemeyer, bekennender Bochumer, stellte die Hymne zur Kulturhauptstadt „Komm zur Ruhr“ vor. Nach dem offiziellen Programm vor circa 1000 geladenen Gästen fand ein zweitägiges Kulturfest statt, das Einblicke in die verschiedenen Projekte der RUHR.2010 ermöglichte. Seitdem finden im gesamten Gebiet zwischen Wesel und Hamm, zwischen Marl und Hagen kulturelle Events statt, die die unterschiedlichsten Bereiche von bildender Kunst und Musik über Tanz und Theater bis hin zu Architektur und Denkmalpflege thematisieren und die kulturelle Vielschichtigkeit der Region illustrieren.


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Der Bereich der Bildenden Kunst wird repräsentiert durch das Projekt „RuhrKunstMuseen“ (RKM). 20 Museen, darunter das Kunstmuseum Bochum, das Museum Folkwang in Essen und das Osthaus Museum in Hagen, haben sich hier zu einem einzigartigen Verbund zusammengeschlossen, der in diversen Ausstellungen nicht nur die zeitgenössische Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts zeigt, sondern auch neue Impulse für das kulturelle Leben im Ruhrgebiet setzt. Auf Bustouren, den „Collection Tours“, können Besucher mehrere Museen miteinander verbinden und an eigens für diesen Zweck konzipierten Ausstellungstouren teilnehmen.

Die Bereiche Theater und Musik leben von dem Einbezug der Bevölkerung. Die Bewegung und die Musik sollen die Menschen verbinden und wiederum die unterschiedlichsten Kulturen des Ruhrgebietes zusammenbringen. Projekte wie „Jedem Kind ein Instrument“ kümmern sich vor allem um die Kleinsten. Das Projekt, das schon seit 2003 existiert, wurde auf die gesamte Region ausgedehnt und das ehrgeizige Ziel, dass alle 170.000 Grundschüler der Region mit der Liebe zur Musik und zu Instrumenten infiziert werden, scheint näher zu rücken. Nach einem allgemeinen musikalischen Unterricht erhalten die Kinder ab der zweiten Klasse ein Instrument ihrer Wahl als Leihgabe für den Unterricht und für zuhause. Theaterprojekte wie „Theater der Welt“ vereinen nicht nur Tanzprofis mit Nachwuchskünstlern, sondern auch die verschiedensten Tanzstile und Einflüsse aus der ganzen Welt miteinander. Auch hier fungiert das Ruhrgebiet als Schmelztiegel, in dem Kulturen zueinander finden, um etwas Innovatives und Einzigartiges zu schaffen, bei dem vor allem der Elan und die Unvoreingenommenheit des Nachwuchses gefordert ist. Die Zweite Biennale Tanzausbildung/Tanzplan Deutschland wird organisiert von der Folkwang Universität für Künste in Essen, die zu einer der führenden Hochschulen für Musik, Theater, Tanz, Gestaltung und Wissenschaft gehört.


Nicht zuletzt architektonisch hat die Region an der Ruhr eine Menge zu bieten. Natürlich steht hier die industrielle Vergangenheit im Vordergrund, allein 3.500 Industriedenkmäler, die teils vom Westfälischen und teils vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege betreut werden, gilt es zu entdecken.

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Eines der Wahrzeichen, nicht nur des Ruhrgebiets, sondern auch der RUHR.2010, ist sicherlich die Zeche Zollverein in Essen. Ihr weithin zu sehender Förderturm über Schacht XII steht für eine neue Art der Effizienz des Bergbaus und gleichzeitig für eine Weiterentwicklung der Technologie, wie sie im 19. Und 20. Jahrhundert rasant voranschreitet. In Essen entwarfen die Architekten Martin Kremmer und Fritz Schupp ab 1927 die neue Zentralschachtanlage XII mit einem bestimmten Ziel: die Optimierung der Abläufe in der Kohleförderung und –aufbereitung und das Zusammenfassen dieser Vorgänge an einer zentralen Stelle. Und tatsächlich, mit der Inbetriebnahme von Schacht XII im Jahr 1932 stellten alle anderen Förderschächte auf Zollverein ihre Arbeit ein. Die Zeche wurde zur größten ihrer Art im Ruhrgebiet und nun wurde an einem Tag gefördert, wozu man 70 Jahre zuvor noch ein ganzes Jahr gebraucht hatte. Doch die Zeit ist auch hier nicht stehen geblieben, auch die Zechen haben sich einem Wandel unterzogen, hin zu einer neuen Kultur – der Industriekultur. Nicht nur die Zeche Zollverein in Essen, auch andere Zechen stehen seit ihrer Stilllegung unter Denkmalschutz und erblühen spätestens im Kulturhauptstadtjahr in neuem Glanz. Das „LWL-Industriemuseum“, das größte Industriemuseum Deutschlands, vereint acht Orte miteinander, in denen sich jeweils ein bedeutendes Denkmal aus der Zeit der industriellen Blütezeit des Ruhrgebietes befindet. Dabei soll dem Besucher aber nicht nur die Geschichte der jeweiligen Denkmäler und der Industrieentwicklung nähergebracht werden, sondern Gäste sollen auch immer erleben, experimentieren und diskutieren können.

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Auch das Dortmunder U, ein weiteres Wahrzeichen des Ruhrgebietes, erstrahlt pünktlich zum Jahr 2010 wieder an seinem ursprünglichen Platz über den Dächern von Dortmund. Der Stammsitz der Unions-Brauerei mitsamt dem Hochhaus, auf dessen Dach der Firmenbuchstabe prangte, entstand 1926/27. Seit 2007 wurde es aufwendig restauriert und das U leuchtet heute, dank 554 Gramm Blattgold und modernerer Illumination, wieder über Dortmunds Innenstadt. Doch auch hier, ähnlich wie bei den Zechen, entstand kein lebloses Denkmal, das Besucher aus der Ferne anschauen können, sondern ein Kultur- und Kreativzentrum, das die Menschen in seinen Bann zieht.


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Doch im Ruhrgebiet soll auch gefeiert werden. Feste wie die beliebte „ExtraSchicht“, das „Sommerfest der Kulturhauptstadt“ oder das „Still-Leben“ auf der A40, der Autobahn des Ruhrgebietes, bringen die Menschen zusammen.
» Hier wird wie an keinem anderen Ort deutlich, was das Ruhrgebiet von jeher ausmacht. Menschen kommen aus allen Regionen, Ländern sowie Gesellschafts- und Kulturschichten zusammen und feiern, diskutieren und lachen miteinander.  «
Während die Stadt Essen ganzjährig mit Kulturveranstaltungen und Festivitäten lockt, stellt sich jede Stadt des RVR-Gebietes auch in einer Themenwoche als „Local Heroe“ vor.

Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel, so lautet das offizielle Motto der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet. Doch was verbirgt sich dahinter? Das Gebiet zwischen Lippe, Emscher, Ruhr und Rhein war von jeher geprägt durch neuartige Einflüsse von außen. Fremde Kulturen strömten ins Ruhrgebiet, die stets einen Wandel mit sich brachten. Einen Wandel der kulturellen Sitten und Gebräuche, einen Wandel der Leben- und Arbeitsbedingungen oder eben einen Wandel des öffentlichen Wahrnehmens, wie spätestens seit dem Jahr 2010. Durch diesen stetigen Wandel haben sich jedoch auch wieder ganz eigene, typische Charakteristiken herausgebildet, die das Ruhrgebiet einmalig machen. Das Ruhrgebiet schafft es, sich in seiner ganzen Vielfalt zu zeigen und wird damit auch nach 2010 eine Region der Kulturen, der Kunst und des stetigen Wandels bleiben. Lassen sie sich einladen an diese, Prozess teilzunehmen und das Ruhrgebiet, das längst nicht mehr nur „der Pott“ ist, neu zu entdecken.

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